Theatergastspiele Kempf GmbH
Schwarzgeld für weiße Tauben
Noire Politique et Blanche Colombe
POLITSATIRE VON PIERRE SAUVIL
Deutsche Fassung von Christian Wölffer

3. Tournee
Neue Spielzeit: 30. März bis 30. April 2008
Aktuelle Spielzeit: 16. September bis 20. Oktober 2006
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Wenn Freund und Feind dieselben sind
"Schwarzgeld für weiße Tauben" im Kurtheater

BAD KISSINGEN. "Mancher gibt sich viele Müh' mit dem lieben Federvieh", heißt es bei Wilhelm Busch. Wie wahr. Sogar skandalgefährdete Minister scheinen sich gelegentlich mit den Nahrungsgewohnheiten weißer Wildtauben auseinandersetzen, wenn es der Werbewirksamkeit hinsichtlich der eigenen Karriere dient. Minister Bertrand Guéraud will sich, während er selber fast auf den Hund kommt, den Charme der arglosen Vögel zunutze machen und - im wahrsten Sinne des Wortes - die Friedenstauben flattern lassen. Symbolträchtig sollen sie ihn umgirren, wenn er Jäger und Naturschützer vereinend die nächste Rede in freier Natur hält und den gesellschaftlichen Konsens predigt: " Die neuen Armen sollen die alten Reichen verstehen lernen..."
 
Packend gespielt
 
Nein, nein: Simpel gestrickt ist er nicht, der Herr Minister. Nur ein wenig abgehoben. Aber dieses der Komödie von Pierre Sauvil ihren Titel gebende Beispiel kreativer Popularitätssucht lässt ahnen, mit wem man es hier zu tun hat. Hintergrund des mit Bonmots und viel Satire gewürzten, packend gespielten Stücks ist, dass ebenjener joviale, im Ganzen ziemlich selbstsichere Minister Guéraud, von Volker Brandt sehr ausdrucksvoll und plastisch-greifbar dargestellt, in eine Spendengeld-Affäre verwickelt ist.
 
Auf die Schliche gekommen
 
Es geht um "eine kleine Million", die er aus Geldern für den sozialen Wohnungsbau für sich selber abgezweigt hat. Für gewöhnlich tut dieser honorige Mensch das natürlich nie. Dumm ist nur, dass ihm der (leicht proletige) Abgeordnete Jacques Bouladon (Jörg Reimers) auf die Schliche gekommen Ist. Als Freund bietet er ihm an, Stillschweigen zu bewahren, freilich nicht ohne Gegenleistung: Er fordert einen Posten als Botschafter "in einem warmen Land" und eine Woche Urlaub in Guadeloupe mit Pauline, der nicht eben hässlichen Gattin des Ministers. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde.
 
Freunde eingeweiht
 
Da Guéraud auch eine empfindliche Seite hat und ausgerechnet an diesem Punkt sehr moralisch wird, weiht er seinen devoten Sekretär, ein akademisch vergurktes, fremdwortfixiertes Jüngelchen namens Thibaut, dazu die - sagen wir es vorsichtig - hypersexualisierte Sekretärin Agathe, ein aufdringliches, pinkfarbenes Etwas, sowie die (bis an Dummheit grenzend) naive Pauline in die delikate Angelegenheit ein. Sie hecken einen Plan aus. Man kann sich denken, was geschieht: Alles scheint glatt zu laufen, doch alles entwickelt sich anders. Wie im richtigen Leben eben. Pauline, dieses Musterbeispiel der Bonhomie, macht eine erstaunliche Entwicklung durch: Dass sie ganz schön durchtrieben sein kann, entdeckt sie selber erst im Laufe des Stückes. Sibylle Nicolai stellt die Figur in allen Schattierungen ihres changierenden Charakters wirklich liebenswert dar. Madame geht dem etwas rohen Reiz des hinterhältigen Herrn Bouladon auf den Leim und beginnt, sich auf die Woche in der Karibik zu freuen. Doch dem bärenhaft ungeschlachten Charme, den Jörg Reimers mit Lust über die Rampe schwappen lässt, den passend vulgär formuliert "Flachlegerqualitäten" Bouladons, erliegen auch andere Damen. Beispielsweise die berechnende Agathe, allzeit bereit zu allem und mit jedem.
 
Mit Witz und Sympathie
 
Es ist erstaunlich und bewundernswert, wie Susanne Meikl es versteht, dieser Person Witz und Sympathie zu verleihen, die augenblicklich in knallharte Geschäftstüchtigkeit und absolute Unnachgiebigkeit umschlagen kann, ohne dass ihre Agathe dabei etwas von der angenehmen Seite ihres einnehmenden Wesens einbüßt. Agathe jedenfalls verbringt eine Nacht mit dem Abgeordneten, bringt - wie geplant - die heiklen Papiere an sich und erpresst nun ihrerseits eine Million von Guéraud. Der zahlt.
 
Eine neue Wendung
 
Da steht wie ein Pilz aus dem Boden geschossen Bouladon wieder da und grinst. Er hat das begehrte Mäppchen aus Agathes Kofferraum geklaut. Leider transferiert auch er es nur in sein Gefährt, und so ergibt sich die Situation, dass - während er nun wieder am Zug zu sein scheint - Thibaut plötzlich mit dem belastenden Material im Raum steht. Dieses subalterne Subjekt, das sich bis dahin seinem Chef gegenüber (außer reichlich vergossenen Elogen) nur mal sparsam dosierte Witzchen geleistet hat, macht eine Wandlung vom braven Primus zum smarten, erpresserischen Karrieristen durch. Jaja, so sind sie öfter mal, die Musterschüler ... Die Figur hat in der Regie von Celino Bleiweiss erkennbar den von Hans Lothar verkörperten Sekretär Schlemmer aus Billy Wilders "One, two, three" zum Vorbild, und David Scholz, dessen Äußeres dem Original verblüffend ähnlich ist, spielt die Rolle mit offensichtlichem Spaß.
 
Trefflich inszeniert
 
Guéraud, dieser schrödereske Politiker, laut, effektvoll gediegen und so ölig, dass es mal gerade keine Fettflecken auf der mehr oder minder weißen Weste gibt, muss sich am Ende der Komödie, die viel gut genutzten Platz für aktuelle Anspielungen bietet, geschlagen geben. "Das ist das Schöne an der Politik, dass man noch echte Feinde hat", ist sein Resümee, bevor der Vorhang fällt. - Kein Kabarett, aber eine gut inszenierte Polit-Komödie, deren Spitzen gelegentlich Szenenapplaus vom nachhaltig erheiterten Publikum erhielten.
 
Von Christian Dijkstal - Saale Zeitung, 14.4.2010
 
   

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Pointenreiche Politsatire mitreißend gespielt

Rinteln. Dass Politiker Gelder veruntreuen, aber trotzdem auf ihrem Ministersessel "kleben", Erpresser nur auf solche Spielchen warten und außerdem noch attraktive Frauen ins Finanz- und Titelpoker-Spiel verwickelt sind, kommt alle Tage vor. Am Mittwochabend ist nun das Publikum des Kulturringes im Brückentorsaal auf sehr amüsant-pikante Weise mit diesen Themen konfrontiert worden.
 
Ein ausgesprochen gut aufgelegtes Schauspielerteam der Theatergastspiele Margrit Kempf lieferte bei der Umsetzung von Pierre Sauvils Politsatire "Schwarzgeld für weiße Tauben" eine komödiantisch- kabarettistische Persiflage, bei der es nicht emotionaler und turbulenter hätte zugehen können.
 
Minister Guéraud soll es wegen seiner nicht redlichen Spekulationen an den Kragen gehen, denn sein Freund, der Abgeordnete Bouladon, verfügt über genug belastendes Material, um Forderungen stellen zu können. Er will allerdings kein Geld, sondern einen Karibik-Urlaub mit des Ministers Gattin Pauline. Dass die ganze Geschichte letztendlich platzt und Pläne, die der Herr Minister mit seiner Geliebten Agathe schmiedet, scheitern, dafür zeichnete der Autor verantwortlich. Geschliffene Dialoge, mitreißendes Spieltempo und eine bilderbuchhafte Transparenz der verzwickten Intrigenstränge in einer ansprechenden Kulisse sorgten dank des gut geführten und aufgelegten Ensembles zwei Stunden lang für allerbeste Unterhaltung.
 
Vollblutkünstler Volker Brandt war die ideale Minister-Besetzung. Er spielte die vielschichtige Rolle des emotionalen Guéraud mit heißem Atem. Kurzum: Er bot eine famose Charakterstudie mit allem drum und dran.
 
Kostproben ihres vielfältigen Könnens präsentierten außerdem die aparte Sibylle Nicolai als verwöhnte, etwas naive Gattin Pauline, die sich "schweren Herzens" für die Karriere ihres Gatten "opfern" will, um mit Fiesling Bouladon (Jörg Reimers) in den Karibik-Urlaub zu starten. Die attraktive Susanne Meikl hingegen wickelte die Herren der Schöpfung als berechnende Nebenbuhlerin Agathe zielstrebig auf kapriziöse Art ein. Auf alle Fälle bereitete die pointenreiche Aufführung so viel Spaß, dass es geradezu stürmischen Beifall für die Crew und besonders Volker Brandt gab.
 
(dis) - Schaumburger Zeitung, 19.3.2010
 
   
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Der Minister und die Moral

Bergisch Gladbach - "Es ist gar nicht so einfach, unanständig zu sein!" Als der französische Minister Guéraud zu dieser Erkenntnis kommt, hat er bereits eine Reihe von Erpressungen wegen seiner Veruntreuung von Spendengeldern durchlebt. Der Autor Pierre Sauvil beschreibt das Verhalten korrupter Volksvertreter in der Politsatire "Schwarzgeld für weiße Tauben", die jetzt im Bergischen Löwen zu sehen war, amüsant und immer mit einem Quäntchen Wahrheit - auch wenn man an deutsche Verhältnisse denkt.
 
Der Abgeordnete Bouladon (Jörg Reimers) besitzt Dokumente, die den Minister schwer belasten, und will neben einem Botschafterposten einen - höchst unmoralischen - Guadeloupe-Urlaub mit der Ministergattin Pauline (Sibylle Nicolai) erpressen. Aber die brisanten Akten wandern weiter: zur attraktiven Agathe (Susanne Meikl), verflossene Geliebten und jetzige Pressesprecherin des Ministers, dann wieder zu Bouladon - und schließlich stiehlt sie der frömmelnde Sekretär Thibaut (Daniel Pietzuch). Jeder startet Erpressungen, denen Guéraud nachgibt, um an der Macht zu bleiben.
 
Die aus dem Fernsehen bekannten Hauptdarsteller unterhielten das Publikum bestens. Auch wenn er zu Beginn nicht immer deutlich genug artikulierte, überzeugte Volker Brandt in karierten Freizeithosen und mit Lockenkopf als Minister, Erfinder der Wahlurne mit doppeltem Boden, der nach dem Leitsatz lebt: "In der Politik hält man sowieso nichts, was man verspricht". Ein Prinzip, das - wie das Schmunzeln im Publikum zeigte - auch auf deutsche Politiker zutreffen könnte. Sibylle Nicolai entwickelte sich von der naiven Ministergattin mit grellem Outfit und zunehmender Beinfreiheit immer mehr zur Femme fatale. Susanne Meikl verkörperte temperamentvoll und freizügig die heiße Geliebte, die auch vor neuen Abenteuern nicht zurückschreckt. Und Daniel Pietzuch verdeutlichte, wie auch Jörg Reimers, bei aller Unterschiedlichkeit der Charaktere ausgezeichnet den Kontrast zwischen korrekten Anzügen und korrupter Gesinnung.
 
Die Theatergemeinschaft Kempf ist mit diesem Stück voller witziger Ideen und treffender Dialoge seit 2005 zum dritten Mal auf Tour und hatte diesmal einige aktuelle Geschehnisse verarbeitet, etwa den Finanzplatz Liechtenstein und die Präsidentschaft Sarkozys. In der Regie von Celino Bleiweiss gelang dem Ensemble gute, prickelnde Unterhaltung zwischen Lachen und zum Nachdenken anregender Entlarvung. Das Publikum, das während der Aufführung lediglich mit erkennendem Lachen reagierte, applaudierte zum Schluss heftig.
 
VON GÜNTER JESCHKE - Kölner Stadt-Anzeiger, 4.04.2008
 
   
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Politik kennt keine Freunde
"Schwarzgeld und weiße Tauben" mit Volker Brandt im Hilpert-Theater
 
In Zeiten, da die Existenz eines Theaters zum Politikum wird, kommen Schauspieler, die sich mit Verhaltensweisen von Politikern beschäftigen, gerade richtig.

LÜNEN
Der französische Autor Pierre Sauvil hat sich diesen im Volk nicht gerade beliebten Berufsstand vorgenommen und in einer Politkomödie unter dem Titel "Schwarzgeld für weisse Tauben" verarbeitet.
Die Theatergastspiele Kempf hatten das Lüner Hilpert-Theater als Premierenstätte dieser neuen Produktion auserkoren, so dass am Freitagabend die neue Theatersaison mit einem besonderen Akzent eröffnet werden konnte.
Das architektonisch streng gehaltene Bühnenbild (Gert B. Venzky) zeigt ein modernes Wohnzimmer mit waghalsigen Treppen und Dacheinstieg sowie nach Umzugskartons aussehenden Sitzgelegenheiten anstelle von Tisch und Stühlen. Hier also wohnt der von der Alltagspolitik ausgebrannte Minister Guéraud mit seiner Frau Pauline und stets umgeben von seinem persönlichen Sekretät Thibaut.
 
Szenenfoto Copyright Theatergastspiele Kempf GmbH

 
Erpressung

 
In sein nur noch auf Verlängerung der Amtszeit ausgerichtetes Leben platzt Parteifreund Bouladon mit einem Erpressungsversuch. Er will brisante und den Minister äußerst belastende Dokumente über angenommene Geschenke der Presse übergeben. Es sei denn, der Minister würde ihn zum Botschafter machen und ihm erlauben mit der ahnungslosen Ministergattin für eine Woche in die Karibik zu fliegen.
Es wäre nicht abwegig gewesen zu erwarten, dass Sauvil die psychische Struktur von Politikern aufbricht, um das Spannungsfeld zwischen Lobbyismus, Bestechlichkeit, Machtwahn und Mandatsauftrag einzukreisen. Doch Sauvil verlagert die Akzente auf die moralische Beziehungsebene des Ehepaars. Dies gelingt durch teilweise unerwartete Handlungswendungen und einen mit aktuellen politischen Anspielungen vorgetragenen Text.
Mit Regisseur Celino Bleiweiss ist darüber hinaus ein Meister der Personenführung am Werk, der trotz des im Grunde albernen Plots mit seiner Inszenierung das Stück dorthin hievt, wo es hingehört, nämlich ins gehobene Boulevard-Fach, zumal das prominente Ensemble seine Aufgaben mit offensichtlichem Vergnügen erfüllt.
 

 
Szenenfoto Copyright Theatergastspiele Kempf GmbH

 
Gestresster Minister

 
Allen voran Volker Brandt, der als gestresster Minister sich neue Lösungen für den Erpressungsversuch ausdenken muss, obwohl er sich doch viel lieber in der Nachfolge Napoleons sieht, umgeben von weißen Tauben des sozialen Friedens. Sibylle Nicolai als Ehegattin überrascht mit ihrem munteren Spiel zwischen eisiger Ablehnung des unmoralischen Angebots und allmählichem Auftauen dank ungeahnter Perspektiven.
 
Geheimagentin

 
Susanne Meikl als ehemalige Gliebte und zusätzlich eingeschaltete Geheimagentin Agathe löst mit weiblicher Raffinesse das Problem des Schwarzgeldes auf ihre Weise. Robert Otahal hat als Parteifreund Bouladon die undankbare Rolle des geilen Gockels übernommen, der nur vor der eigenen Ehefrau kapituliert. Und Roland Peek als Seketär zeigt schließlich doch noch, dass gerade rational denkene Typen wie er aus dem politischen Handeln ihre Vorteile ziehen.
 
Langanhaltender Premierenbeifall eines vergnügten Publikums.
 
Rudolph Lauer - 19.09.06, Ruhrnachrichten
 
   
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Wenn "schleimige Lurche" prüde Zimperliesen lieben
Viel Applaus für die Politkomödie "Schwarzgeld für weiße Tauben" in Bad Orb

BAD ORB (ez). "Schwarzgeld für weiße Tauben" war hoffentlich keine Lehrstunde in Sachen Politik. Denn wie hier mit der Verantwortung für den Bürger umgegangen wird, ist haarsträubend. Aber leider auch lustig. Die Politkomödie von Pierre Sauvil (Regie: Celino Bleiweiß) zeigte auf der Bad Orber Konzerthallenbühne, wie der schlitzohrige Minister Guéraud (Volker Brandt) ganze Schwaden von Politweisheiten absondert, die vielleicht doch das eine oder andere Körnchen Wahrheit enthalten könnten.

Da stellt er in den Raum: "Man kann reich und ehrlich sein. Das ist zwar selten, kommt aber vor". Oder: "Heute muss sich ein Politiker zeigen und dann erst arbeiten; oder besser nur zeigen" und "Die neuen Armen sollen die alten Reichen verstehen lernen." So schwätzt er zu Hause. In der Öffentlichkeit zeigt er sich ganz anders.
 
Einen tiefen Riss bekommt die Saubermannfassade, als der Abgeordnete Bouladon (Rudolf Otahal) belastendes Material gegen den Minister verwenden will. Dieser hat gerade mal eben die Nichtigkeit von einem Milliönchen auf die Seite gebracht und will natürlich alles tun, damit er Frankreich als Minister erhalten bleibt. Schließlich macht das ja keiner so gut wie er. Bouladon schlägt einen Kuhhandel vor: Er will Botschafter werden und eine Woche mit Ministergattin Pauline (Sibylle Nicolai) in die Karibik. Um den Schein zu wahren, entsetzt sich Guéraud, und wäre doch bereit, seine Seele zu verkaufen, wenn er nur an der Macht bleibt. Parteigenossin und Ex-Geliebte Agathe (Susanne Meikl) und Sekretär Thibaut (Roland Peek) müssen her und sollen aus der Patsche helfen. Agathe will den Minister wieder im Bett haben, und der ehrgeizige Thibault müht sich redlich, auch den eigenen Vorteil nicht aus den Augen zu verlieren. So ganz das naive Häschen, wie sie tut, ist Pauline dann doch nicht. Sie erwärmt sich immer mehr für den Gedanken, sich für Frankreich zu opfern und mit dem Abgeordneten, dem ein Casanovaruf vorauseilt, in die Sonne abzudüsen. "Armut ist nicht lustig", schwadroniert sie. Arm zu sein und in die Fabrik zu gehen oder reich zu bleiben und eine Woche Karibik, da weiß sie schon, was sie wählt. Sie tut es ja nur für ihren Mann und "La France." Und aus dem "schleimigen Lurch" wird für sie ein attraktiver Mann. Der wiederum tituliert sie als "prüde Zimperliese" und verzehrt sich merkwürdigerweise dennoch nach ihr. Ränkespiele führen dazu, dass die Dokumente erst in die Hände von Agathe und dann noch in die Hände von Thibaut geraten.
 
Betrogene Betrüger können sich die Hand geben, und der Zeitgeist dem Werteverlust auf die Schulter klopfen. Korruption und Handel mit der Macht, Mandate als Sprungbretter wurden hier in eine schwarze Komödie verpackt, in der alle Rollen bestens ausgespielt wurden. Jede hat so ihre Finessen, und das kam rüber. Und so sah es auch das Publikum, das anhaltend applaudierte. Und es stellte sich die Frage, ob das alles nur in der Grande Nation passieren kann - oder auch in Allemagne.
 
Giessener Anzeiger, 17.10.2006
 

 

   
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UNGEAHNTE KOALITIONEN
Selten war Theater so tagesaktuell: Pierre Sauvils Politsatire "Schwarzgeld für weiße Tauben" in Saulgau

VON UNSERER MITARBEITERIN REGINA WILHELM
Es geht nicht um die "Jamaika-Koalition" oder die Frage, welche Partei den nächsten Bundeskanzler stellt. Auch politische Ziele und Inhalte stehen eher nicht im Vordergrund der Polit-Komödie "Schwarzgeld für weiße Tauben", die am Dienstagabend im Neustadter Saalbau gegeben wurde. Brisanz und Aktualität, insbesondere in diesen harschen Nachwahlkampfzeiten.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstrbenen Politikern sind natürlich rein zufällig. Das Sujet dagegen ist bewusst gewählt und könnte sich so der ähnlich in jedem Lande zutragen. Denn überall, so weiß oder glaubt der fündige Bürger zu wissen, sind die Staatsvertreter korrupt, intrigieren und lassen sich für Dienste und Dienstleistungen bezahlen. Vielleicht hat der französische Autor Pierre Sauvil die Geschichte ja - im Sinne der Komödie - leicht überspitzt. Doch die stimmenden Äußerungen und der Applaus des Publikums geben ihm an diesem Abend Recht.
 
Szenenfoto Copyright Theatergastspiele Kempf GmbH

 
Da ist der Minister, ohne Fehl und Tadel - bravourös gespielt von Volker Brandt -, der sich - wie es eben so ist an Spendengeldern bedient hat. Sein Parteifreund, der Abgeordnete Bouladon, aalglatt von Rudolf Otahal in Szene gesetzt, hat die Beweismaterialien gesichert und setzt den Minister unter Druck: Er will einen Botschafterposten und - das ist noch heikler - eine Woche mit des Ministers Gattin auf Guadeloupe verbringen. Sollte der Minister dem Wunsch nicht nachkommen, gehen die Unterlagen an die Justiz. So einfach ist das. Der Minister streitet alles ab, windet und dreht sich - grad wie im richtigen Leben. Aber, und auch das ist die Wahrnehmung Volkes, er empfindet bei allem Tun nicht einmal Unrecht.
 
Szenenfoto Copyright Theatergastspiele Kempf GmbH

 
Eine Komödie wäre keine Komödie würden nicht trefflich Klischees über Klischees bedient: Das ist die einfach strukturierte, ungebildete, aber aus gutem Hause stammende Gattin des Ministers, die ob des Ansinnens höchste moralische Bedenken äußert. Doch die Figur, lieb-naiv und schließlich lasziv-gerissen dargestellt von Sibylle Nicolai, erfährt im Laufe der Geschichte eine gehörige Wandlung. Statt für Armut und Langeweile entscheidet sie sich doch für Reichtum und neue sexuelle Erfahrungen. Ähnlich ergeht es der Figur des Sekretärs. Der typische Speichellecker, der sich mit Zuvorkommenheit, übertriebenem Ehrgeiz und dem Aneinanderreihen von Worthülsen dem Minister anzudienen sucht, entwickelt sich vom braven ehemaligen Klosterschüler mit stets passendem Bibelzitat auf den Lippen zum korrupten homo politicus. Auch er hat am Ende verstanden, wie der Hase läuft. Die Rolle des Emporkömmlings verkörpert Roland Peek ideal.
 
Typisch für die Komödie, die von Verstrickungen und Verwirrungen lebt, entfaltet sich die Geschichte ganz anders, als die Akteure vermuten. Und an diesem Punkt sind wir doch wieder in der bundesdeutschen Gegenwart angekommen: Es bilden sich ungeahnte Koalitionen, die zunächst nicht zusammenzupassen scheinen. Andere Bündnisse, die scheinbar gefestigt waren, fallen auseinander. So wechselt die zunächst loyale, weil ach des Ministers bestes Stück scharfe Pressereferentin, glaubhaft gespielt von Susanne Meikl, skrupellos die Seiten. Grund? Geld und eben trotzdem Sex, aber mit dem Gegenspieler.
Obwohl sich die Katastrophe in Wohlgefallen auflöst, bleibt doch ein fader Nachgeschmack zurück. Denn wie der Minister sind doch auch viele echte Vertreter der politischen Kaste nicht nur anfällig für Intrigen und Korruption-, sondern sie leiden häufig auch unter einer völlig falschen Wahrnehmung von sich selbst. Großspuriges Auftreten kaschiert Ignoranz und macht gleichzeitig einen Machtanspruch deutlich, dem jede Basis fehlt.
 
   
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WIE IM RICHTIGEN LEBEN
Amüsantes" Schwarzgeld für weiße Tauben" in Neusäß

Augsburger Allgemeine v. 20.09.2005 (lig). Passend zum Abend vor der so genannten "Schicksalswahl" präsentierte die Stadthalle Neusäß Pierre Sauvils Boulevardkomödie "Schwarzgeld für weiße Tauben". Geboten wurde eine hervorragende Schauspielercrew mit Sibylle Nicolai und Volker Brandt an der Spitze.
Sauvil vermischt in seinem Stück die bekannten französischen Muster "Jeder betrügt jeden mit den besten Freunden" mit einem amüsanten politischen Intrigenspiel um Korruption und Erpressung: Der französische Minister Gueraud (Volker Brandt) hat Spendengelder zweckentfremdet und wird vom Abgeordneten Bouladon (Rudolf Otahal) deshalb erpresst. Letzterer verlangt, neben einem Botschafterposten auch, dass die Minister-Ehefrau Pauline (Sybille Nicolai) eine Woche mit ihm auf den Antillen verbringt.
 
In seiner Not bittet Gueraud seine Parteigenossin Agathe (Susanne Meikl), mit der er ein Verhältnis hat, um Hilfe. Diese verführt Bouladon und entwendet ihm die Beweisdokumente für den Betrug des Ministers. Während Pauline sich allmählich in der Rolle des Opferlamms gefällt, erpresst nun Agathe ihrerseits den Minister. Dieser zahlt widerwillig. Doch nun hat bereits der bisher scheinbar dem Minister treu ergebene Sekretär Thibaut (Roland Peek) Agathes Auto aufgebrochen und will sich vom Minister ein hohes Amt im Bankgeschäft zuschanzen lassen.
 
Trefflich spielte Volker Brandt den korrupten Minister mit raunzig-öligem Charme. Susanne Meikl legte sich als attraktive Verführerin Agathe schwer ins Zeug. Rudolf Otahal tat einem am Ende fast leid als der nicht unsympathische Erpresser, dem seine Korruption allerdings ein bisschen entgleitet und ein Eigenleben annimmt. Für den komischen Überraschungsmoment sorgte am Schluss Roland Peek: Der scheinbar ergebene, feige Sekretär entpuppte sich als eiskalter Erpresser mit großen Karriere-Ambitionen. Witzig-charmanter Mittelpunkt des ganzen Geschehens war Sibylle Nicolai mit ihrer zwischen Naivität und augenzwinkernder Berechnung wechselnden Darstellung der Ministergattin Pauline.
 
Regisseur Celino Bleiweiss setzte in seiner Regie auf zügiges Tempo. das sachlich gehaltene Bühnenbild (Gert B. Venzky) lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auf die großartigen, mit hervorragender Sprechkultur aufwartenden Schauspieler, ebenso wie Annemarie Riecks farbenfrohe Kostüme. … zwei Stunden angenehme Unterhaltung - mit dem zusätzlichen leichten Gruseln, dass man das Eine oder Andere schon im richtigen politischen Leben gehört und erfahren hat.
   
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Korruption und Intrigen
Auf der Bühne ein Vergnügen

Kevelaer
Nicht nur in der Erinnerung an Notzeiten kennt sich sicherlich auch heute noch so mancher braver Bürger mit Schwarzgeld aus. Da durfte man gespannt sein auf den irrwitzig klingenden Titel des Theaterstückes "Schwarzgeld für weiße Tauben", mit dem die Theatersaison im Kevelaerer-Bühnenhaus eröffnet wurde. Mit Gespür für Situationskomik hat der französische Autor Pierre Sauvil die gemeinhin als Untugend geltenden Begriffe wie Intrigen und Korruption in den Mittelpunk seiner Komödie gestellt und daraus zwei Stunden unterhaltsames Theater zum meist stillen Vergnügen des Publikums gestrickt.
 
Da hat ein Minister Spendengelder zweckentfremdet und ein ebenso fieser Abgeordneter hat nun einen Grund zur Erpressung gefunden. Er verlangt nicht nur einen Botschafterposten vom Minister, sondern auch, dass die Ministergattin ihn eine Woche auf eine Sonneninsel begleitet. In seiner Not fragt der Minister eine Parteifreundin, mit der er ein Verhältnis hat, um Rat.
Sie nimmt die Sache kämpferisch in die Hand, verführt den Erpresser, macht ihn sturzbetrunken und klaut Ihm die Dokumente gegen den Minister. Nun aber fordert sie von ihm zehn Millionen, die er zähneknirschend überweist.
 
Sekretär als lachender Dritter
 
Als der ernüchterte Abgeordnete wieder auftaucht und hohnlachend die im Auto der Parteifreundin gefundenen Dokumente zeigt, soll trotz der finanziellen Transaktion die Reise zur Sonneninsel mit der Ministetgattin starten. Doch zum Unglück des Liebhabers kehrt seine eigene Frau früher als erwartet aus ihrem Urlaub zurück und macht diesen Plan zunichte. Schließlich gab es zu guter letzt mit dem Sekretär des Ministers einen lachenden Dritten, der nun den leidgeprüften Minister auf seine eher sanfte, aber dennoch raffinierte Art erpresste, in dem er, mit welchem Trick auch immer, die Dokumente an sich genommen hat und nun vom Minister Fürsprache bei seiner Bewerbung um einen Posten im Bankgeschäft erwartet. Korruption ohne Ende, doch zeigten sich auch reingewaschene Hemden.
 
Die Handlung war leichtfüßig, voll von sprachlichem Witz und französischer Ironie, hin und wieder mit einer Prise Erotik gewürzt. Dafür sorgten die Darstellerinnen Sibylle Nicolas und Susanne Meikl im kessen Outfit. Volker Brandt als Minister zeigte sich als Topbesetzung des Abends. Das auf zwei Ebenen angelegte Bühnenbild gab dem Ensemble vielfache Möglichkeiten zum Agien. Das Publikum spendete nach dem Schlusssatz "Das Schönste an der Politik ist, dass man echte Feinde hat" minutenlangen Beifall.
Rheinische Post, 20.9.2006 - von Helmut Schopmans
   

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